1. Thessalonicher 5,15

Im Fußball ist klar: Fair play ist Ehrensache, foul play hat auf dem Platz nichts zu suchen. Zwar will man gewinnen, aber nicht um den Preis als unehrenhafter Sieger vom Platz zu gehen. Auch im richtigen Leben ist Fairness ein hohes Gut, sei es unter Kolleginnen und Kollegen, in der Familie oder bei Geschäften. Und selbst diejenigen, die schon mal andere über den Tisch ziehen, werden kaum gern selbst gelinkt. Insofern ist gesellschaftliches fair play auch ein wenig Eigennutz im Sinne „Was Du nicht willst, das man Dir tu…“.
Auch im Arbeitsleben spielt das eine Rolle. Als Diakonie sind wir stolz darauf, dass wir unsere Mitarbeitenden „nach Tarif“ bezahlen. Ein gutes Arbeitsklima hängt zwar nicht allein am Geld, aber wer gute Arbeit leistet, will auch gut entlohnt werden. Faire Bezahlung ist Anerkennung von Leistung.
Im Sport und im Alltag: Fairness ist ein hohes Gut. Meist haben wir auch ein verlässliches Bauchgefühl, was fair ist und was nicht. Jede und jeder von uns hat ein gesundes Gerechtig­keitsempfinden. Das Problem: Je näher wir selbst an einer Unrechtserfahrung sind, sei es als Betroffene oder Zuschauer, desto höher ist unsere emotionale Betroffenheit. Je weiter weg das unfaire Geschehen aber von uns ist, desto leichter fällt es uns, Ungerechtigkeiten als Teil des natürlichen Laufs der Dinge achselzuckend hinzunehmen.
In unserer komplexen Welt ist das ein Problem. Denn viele Ungerechtigkeiten sind struktu­rell, die Opfer oft weit weg von uns. Gesichtslos, namenlos. Das erschwert uns den emotiona­len Zugang, verhindert das Gefühl persönlicher Betroffenheit, vermindert den Antrieb, sich einzusetzen. Stattdessen setzen Rationalisierungsprozesse ein: Wir finden oder erfinden Erklärungen und Entschuldigungen, warum das nicht unsere Angelegenheit ist.
Im Grundsatz ist es ja auch richtig, sich sozusagen erst einmal im eigenen Umfeld und Wirkungskreis für Fairness und gegen Ungerechtigkeiten einzusetzen: Dort, wo man wirklich etwas verändern kann. Es hilft niemandem, wenn wir uns über Zustände echauffieren oder gar unter ihnen mit-leiden, die sich unserem Einfluss entziehen.
Aber oft erkennen wir gar nicht, wie weit unser Einfluss reicht. Nehmen wir die Arbeitsbe­dingungen von Kaffee-Pflanzern in Äthiopien, Kakao-Bauern in der Elfenbeinküste oder Näherinnen in Bangladesch. Niemand von den Leserinnen und Lesern dieses ANgeDACHT dürfte dort Geld investiert haben. Sehr wahrscheinlich sitzt auch niemand von Ihnen in einem Aufsichtsrat eines Lebensmittel-Konzerns oder in einem Parlament, das über „Lieferkettengesetze“ oder ähnliches entscheiden kann. Und dennoch: Jede kleine Kauf­entscheidung von uns ist Teil der Außenhandelspolitik eines reichen Industrielandes, die leider immer noch viel zu oft die kolonialen Strukturen von vor 100 Jahren abbildet. Ausbeutung mit anderen Mitteln. Der Unterschied heute ist: Wir könn(t)en einen Unters­chied machen! Vor uns liegt eine schokoladenreiche Zeit. Ist uns der Schutz des Pflückers vor Pestiziden, ist uns der Schulbesuch seiner Kinder den extra-Groschen für fair gehandelte Süßigkeiten im Advent wert?
Was für uns Einzelne gilt, gilt schon aufgrund ihrer Größe umso mehr für Organisationen – auch unsere Lafim-Diakonie. Sie nimmt teil am Wirtschaftsleben und trifft mit jeder geschäftlichen Entscheidung immer auch eine darüber, wie fair oder eben auch wie unfair die ökonomischen Strukturen dieser Welt in Zukunft aussehen. Das geht weit über Kaffee, Schokolade oder Kleidung hinaus.
Die Klima-Krise macht uns bewusst: Fairness hat eine wirklich sehr weite Dimension! Sie erreicht versinkende Inselstaaten am anderen Ende der Welt, sie erreicht künftige Generationen, die noch nicht geboren sind. Unser Handeln und unser Unterlassen wirken auf Menschen, die wir wahrscheinlich nie sehen werden. Sind sie uns deswegen egal?
Wenn nicht, müssen auch Einrichtungen und Werke verantwortungsvoll handeln. Die Zentralen Dienste gehen ab jetzt mit gutem Beispiel voran und werden „Faires Werk“. Das heißt, sie verpflichten sich zu besonderem und bewusstem nachhaltigem Engagement in vier Bereichen: In Einkauf und Wirtschaften, in der Bildungsarbeit und in sozialem Handeln vor Ort. Dafür werden sie mit einem ökumenischen Siegel ausgezeichnet, das der Kirchliche Entwicklungsdienst zusammen mit dem Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg vergibt, um Menschen in unseren Kirchen zu motivieren, der Gesellschaft in diesen vier Bereichen einen kleinen Schritt voraus zu sein.
Für kirchlich-diakonische Einrichtungen, getragen vom christlichen Geist, ist das mehr als nur ein Gehen mit dem Zeitgeist. Gerechtigkeit ist ein Versprechen Gottes an die Menschen, Teil der frohen Botschaft Christi. Sie fällt aber nicht einfach vom Himmel. Gott will uns mit seiner Liebe so berühren und verwandeln, dass wir selbst zur Verwandlung – zur Transformation – der Welt beitragen.
So wichtig wie Fairness ist, so lastvoll kann das Streben danach sein, wenn es als „Pflicht“ empfunden wird. Etwas ganz anderes ist es aber, wenn wir die Liebe Gottes für uns, die wir spüren, an andere weitergeben wollen. Dann wird es lustvoll zu sehen, wie wir mit unseren kleinen Schritten und überschaubaren Handlungen dazu beitragen, die Schöpfung zu bewahren und diesen kleinen Planeten zu einem lebenswerten Ort für alle Menschen und Mitgeschöpfe zu machen.
Sich für einen solchen Weg zu entscheiden, ist ein kleiner Aufbruch. Im Kirchenjahr beginnt jetzt der Advent – die Zeit der Ankunft. Gottes Ankunft ist unser großer Aufbruch in eine neue Zeit – und alle unsere täglichen kleinen Aufbrüche sind ein Teil davon. Lassen Sie uns fröhlich und mutig mitziehen in eine Zukunft, die voller Versprechungen ist!

Segen:   Seht, der Herr kommt, der König der Welt ist nah!
Er öffne Eure Herzen, um darin einzuziehen,
Er weite Eure Horizonte, damit ihr die Welt mit seinen Augen seht,
Er schenke Euch sein Licht, in dem selbst die Finsternis zu leuchten beginnt.

Wochenspruch: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Sach 9,9a

Wochenpsalm:  Psalm 24  –  EG 712

Wochenlied:         EG 4 – Nun komm, der Heiden Heiland

Download:            ANgeDACHT 2021-48

 

Einen guten Start in die neue Woche wünscht Ihnen

Prof. Dr. iur. utr. Patrick Roger Schnabel
Mitglied des Kuratoriums der Lafim-Diakonie